Die Schärfe der Unschärfe
Giorgio Avanti macht immer Neues und bleibt sich trotzdem treu: Seine Bilder tragen – auch im wörtlichen Sinne – eine charakteristische Handschrift, die gerade dank ihrer ausserordentlichen Fabulierfreude im Gedächtnis haften bleibt. Bei aller Vielfalt wirkt sein Werk wie aus einem Guss oder, wie er selbst sagt, „Tutto nasce dall’olio“.
Die wundersame Vermehrung seiner Werke aus dem Öl ist allerdings mehr als Metapher zu verstehen, denn Avanti malt hauptsächlich mit Acrylfarbe. Das Zitat spricht vielmehr von der Lebenslust in Avantis Bildern, insbesondere von der kulinarischen. Die Üppigkeit seiner Tafelbilder wirkt verlockender als jedes italienische Kochbuch: In immer neuen Variationen assortiert er den roten Hummer, die Fische, die Zitrone, den Schweinekopf und das Weinglas zu einem Sinnbild des guten Lebens.
Avantis Stärke ist das zauberhafte Oszillieren zwischen Abstraktion und Figuration. Etwa bei ornamentartigen Stadtansichten von Nordafrika, bei Vogelfiguren in rhythmisierten Landschaften, deren Farb- und Formenvielfalt die Kreativität der Natur noch übertrifft, oder bei Frauenkörpern, die als archetypische Formen im Bild schweben. Die luftigen und spielerischen Kompositionen behandeln das Sujet mit der Schärfe der Unschärfe und regen als virtuose, zugespitzte Skizzen die Imagination des Betrachters an.
Das gelingt nicht nur, weil Avanti pointiert zu malen versteht, sondern seinen Bildern als Schriftsteller mit erfrischendem Witz auch ein begnadeter Titelgeber ist: Direkt aufs Bild geschrieben, fällt die Bildwahrnehmung oft mit einem Schmunzeln über die liebe- und humorvolle Titulierung zusammen, die der Sache nochmals einen neuen Dreh gibt. Vor den neuesten Bildern, die in rotem „Chinesisch“ beschriftet sind, dürften die Betrachter allerdings etwas länger zu rätseln haben.
Neben den klassischen Sujets in Avantis Arbeit treten immer wieder Werkkomplexe mit präzisen Studien zu speziellen Themen hervor. Im Jahr 2008 war es das existentielle Thema der Heimat, der Schweiz. Der Künstler durchforstete den traditionellen Bilderwald und frischte Trachtenmädchen, Kuhherden, Alphornbläser, Fahnenschwinger und das Heimatchörli mit einem Auge für komische Zuspitzung, mit mutiger Farbgebung und spritzigem Pinselduktus auf. Und gab damit eine ausdrucksstarke Antwort auf die Frage, was für ihn heute die Schweiz ausmacht.
Als überzeugendes Kontrastprogramm dazu gelang ihm jetzt die Auseinandersetzung mit dem afrikanischen Form- und Farbenschatz. Inspiriert von einer eindrücklichen Afrika-Ausstellung in der Fondation Beyeler, hat Avanti eine eigenwillige Werkgruppe geschaffen.
Die sonst so bunte Palette hat er ausnahmsweise auf erdige, stimmige Töne gedimmt und damit für seine Verhältnisse reduzierte, dafür umso wirkungsvollere Kompositionen gestaltet. Deren sanfte Geometrie lässt an flatternde Stoffmuster, rituelle Körperbemalungen und traditionelles Kunsthandwerk denken, deren Charme einer kunstvollen Abstraktion zu verdanken ist.
Die Bilder haben einen rätselhaft atmosphärischen Charakter, die Oberfläche wirkt sandig und verwittert, die hell gesetzten Muster leuchten wie bedeutungsvolle Chiffren aus dem Dunkel hervor. Man hat den Eindruck, Fragmente einer vitalen Stimmungswelt zu erhaschen, ohne sie vollends entschlüsseln zu können.
Mit diesen Werken beweist Avanti sein Talent, bei unterschiedlichsten Themen das Essentielle zu erfassen und in Bildform zu festzuhalten. Seine künstlerische Inspiration kennt dabei keine Grenzen, denn wie er selbst sagt, „Avanti nasce dal tutto“.
Zug, 10. Dezember 2009
Julia Häcki
Giorgio Avanti, 1946, lebt, arbeitet, malt und schreibt in Walchwil ZG und Arogno TI.
